Tags

, , , , , ,

micht hat auschwitz nie verlassen

Klappentext


Für dieses Buch trafen SPIEGEL-Redakteure in Europa, Amerika und Israel zwanzig Holocaust-Überlende, um sie nach ihren Erfahrungen in der Todesfabrik Auschwitz zu befragen. Aus den Gesprächen entstanden umfangreiche Protokolle, die von einer Zeit kaum vorstellbarer Ängste und Leiden zeugen.

Elf Frauen und neun Männer erzählen von den Deportationen, dem Verlust von Eltern und Geschwistern, dem Hunger und Elend im Lager, von den menschenunwürdigen Verhältnissen, den Gaskammern und den Krematorien. Und sie erzählen von dem unwahrscheinlichen Glück, den Holocaust überlebt zu haben. Für die nachfolgenden Generationen sind sie die letzten Zeitzeugen.

Meine Meinung


Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist dieses Buch entstanden. Es ist ein Nachruf an die über 1 Million Menschen, welche Auschwitz nicht überlebt haben und es sind Worte und Erinnerungen derjenigen, welche das Lager überlebt haben. Die zwanzig Protokolle der Überlebenden sind so wertvoll und wichtig, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann können wir keinen mehr befragen.

Nach einer kurzen Einführung über das Konzentrationslager Auschwitz, gelangen wir zu den 20 Porträts der Überlebenden. Unverfälscht werden zwanzig verschiedene Geschichten erzählt, jede ist anders. Doch in vielen Dingen sind sich alle einig: Täglich umgeben von Angst, welche einem die Luft zum Atmen nimmt. Die entwürdigenden Transporte in Viehwaggons, getrieben wie Vieh aus den Waggons, um schließlich in Zweierreihen Aufstellung zu nehmen. Es warteten bellende Hunde, Geschrei und eine Vorauswahl wurde getroffen. Nach rechts oder links. Deportationen, Schläge und Demütigungen waren an der Tagesordnung. Der ständige Hunger trieb einen fast in den Wahnsinn.

Die Gerüchte um Auschwitz broddelten und eigentlich war allen klar, dass hier keiner mehr lebend raus kam. Doch trotzdem haben es welche geschafft. Sei es Glück, sei es Kampfgeist oder der pure Überlebenswille.

Wissen Sie, ich habe in meinem Leben so viele Situationen gesehen, die man unmenschlich nennt. Aber nirgends hat man die Bestien so wenig in Schach gehalten wie in Auschwitz. – Wolfgang Höbel

Alle wurden kahl rasiert, vermessen, untersucht, tätowiert und nackt ausgezogen. Wenn es sein musste, dann haben die Insassen von Auschwitz auch mal zwei Tage nackt in ihrem Block verbracht. Namen wurden vergessen, ab sofort wurde man nur noch mit seiner eintätowierten Nummer gerufen.

Die Männer rasierten uns sogar die Haare ab, nicht nur auf dem Kopf. – Bronia Brandman

Die Einzelschicksale berühren und gehen direkt ins Herz. Raphael Esrail, der auch nach 70 Jahren täglich das Lager vor Augen hat, obwohl er seine Tätowierung hat entfernen lassen. Oder Philomena Franz, eine Zigeunerin, die auch den Versuchen von Doktor Mengele nicht entkommen konnte und eine Scheinhängung über sich ergehen lassen musste. Esther Bejarano hat überlebt, weil sie in Auschwitz als Musikerin im Mädchenorchester spielen durfte.

Mittags gab es eine weiße Suppe aus zerhackten Knochen, die sogenannte Avosuppe. Wir hatten solchen Hunger, da macht man sich keine Gedanken über Geschmack. – Kazimierz Albin

Obwohl „Mich hat Auschwitz nie verlassen“ keine leichte Kost ist, fesseln die Seiten und man mag das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Reporter haben ganze Arbeit geleistet. Die Berichte sind unverfälscht, authentisch. Abgerundet wird das ganze durch wunderschöne Porträtaufnahmen der Fotographen, wie auch schon auf dem Cover zu sehen ist.

Ich habe schon viel über den zweiten Weltkrieg gehört und gelesen, dennoch schockiert es mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich mich mit dieser Thematik auseinander setze. Mein Respekt gilt den Menschen, die all dies ausgehalten haben und täglich mit ihren Erinnerungen aufwachen und versuchen, ein ganz normales Leben zu leben.

Fazit


Ein wichtiges und lesenswertes Buch mit Augenzeugenberichten aus einer furchtbaren Zeit, die es besser nie gegeben hätte. Wir alle haben nicht mehr viel Zeit, Menschen von damals zu befragen. Deshalb ist es unabdingbar, Erinnerungen festzuhalten und zu dokumentieren. Es ist ein Buch, dass auch noch unsere Kinder und Enkel in den Händen halten werden.

5/5

Eckdaten


„Mich hat Auschwitz nie verlassen“ von Susanne Beyer und Martin Doerry// DVA Verlag // September 2015 // 288 Seiten // Hardcover // ISBN: 978-3-421-04714-4// Preis: 29,99€

Über die Autoren


Susanne Beyer, geboren 1969, ist seit 1996 beim SPIEGEL als Kulturredakteurin tätig, zuletzt als stellvertretende Leiterin des Kulturressorts. Seit Frühjahr 2015 ist sie stellvertretende Chefredakteurin des Nachrichten-Magazins.

Martin Doerry, geboren 1955, ist promovierter Historiker und kam 1987 zum SPIEGEL. Von 1998 bis 2014 war er stellvertretender Chefredakteur des Nachrichten-Magazins. Seither schreibt er als Autor für das Kulturressort. Bei der DVA erschienen von ihm die Biographie »Mein verwundetes Herz – Das Leben der Lilli Jahn 1900 – 1944« (2002) sowie, in Zusammenarbeit mit der Fotografin Monika Zucht, der Bildband »Nirgendwo und überall zu Haus – Gespräche mit Überlebenden des Holocaust« (2006).

Eure Sarah von Bloggerhochzwei

Bildrechte: DVA Verlag